Völker-Kuddelmuddel: der Germanen-Wandertag & die Folgen

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 21:51

 

Die entlang des Rheins lebenden germanischen Stämme (Salier, Ripuarier, Chamaven, Brukterer, Sugambrer, Attuarier) schlossen sich mehr oder weniger friedlich und mehr oder weniger gezwungenermaßen zu den Franken zusammen und bildeten unter ihrem König Chlodwig I. (482-511) das erste stabile mitteleuropäische Reich nach bzw. während des Zusammenbruchs des Weströmischen Reiches. Chlodwig I. schloss sich um 498 dem katholischen Glauben an und ermöglichte so die Assimilation der katholischen römischen Bevölkerung, vor allem des römischen Adels. Im Norden und Osten formierte sich etwas chaotischer und auch mehr oder weniger gezwungenermaßen das Volk der Sachsen als großer Widersacher der Franken und Anhänger der alten Germanen-Götter oder des arianisch-christlichen Glaubens.
Grob gesagt, drangen die Sachsen aus ihrem Stammgebiet aus Norddeutschland weit nach Südosten vor und setzten sogar auf die britischen Inseln über, wo sie später christianisiert wurden. Noch heute bürgt der Name des zu Nordrhein-Westfalen benachbarten Bundeslandes Niedersachsen neben den britischen Angelsachsen für diesen Völkerzug. Eine weitere Ausbreitung nach Westen und Südwesten verhinderten die Franken. Es gehört zu den Besonderheiten der Geschichte Bochums, dass die Grenze zwischen den beiden verfeindeten Völkerschaften nahe Bochum verlief. Die Franken hatten als enger mit den Römern kooperierende Germanen mehr Kenntnisse in der Landwirtschaft und einige aus dem Mittelmeerraum stammende Gewächse übernommen, allen voran den Weinanbau.

Denn sie wetteifern nicht mit Ergiebigkeit und Umfang des Bodens durch Anstrengungen, daß sie etwa Obstpflanzungen anlegten, Wiesen absonderten und Gärten wässerten. Sie übergeben dem Lande nur den Saamen. Daher teilen sie auch das Jahr nicht in so viele Zeiten: Winter, Frühling und Sommer haben Bedeutung und Namen: der Herbst ist ihnen jedoch, seinem Namen und seinen Früchten nach unbekannt. (Aus: C. Cornelii Taciti de Situ, Moribus et Populis Germaniae; Übersetzt von K. A. Löw; Mannheim 1862)

Nachdem das Frankenreich aufgrund der Erbteilungen und -streitigkeiten sich stetig selbst schwächte, wurde es unter der eisernen Faust von Karl dem Großen (751-814) vereinigt und strebte nun nach neuen Reichsgebieten im Osten. Wie auch heute noch ließ sich das unter dem Deckmäntelchen der Religion am besten erledigen. Nachdem aufgrund der Missionstätigkeit des heiligen Suidbert um 693 herum bereits die Sachsen-Sippen südlich der Lippe zumindest in Teilen bekehrt waren, war man ansonsten noch nicht weit gekommen. Von 772 bis 804 zogen die Franken unter Karl dem Großen mit teilweise unglaublicher Grausamkeit gegen die Sachsen. 772 wurde im Sauerland die heilige Weltensäule „Irminsul“ der Sachsen im ersten fränkischen Feldzug zerstört. Zehn Jahre später wurden 4500 Sachsen bei Verden niedergemetzelt. Zwangsumsiedelungen wurden ebenso vorgenommen. Karl der Große benutzte also alle völkerrechtswidrigen Mittel, die ihm zur Verfügung standen. Als das nur beschränkt von Erfolg gekrönt war, änderte er die Taktik und „bestach“ Teile des sächsischen Adels auf dem Hoftag in Lippspringe mit der fränkischen Grafschaftsverfassung für die neu eroberten Gebiete. Das damit der durchschnittliche Sachse nicht zum heißblütig-frömmelnden Verehrer Christi wurde, erscheint nachvollziehbar. Die reine Strafandrohung der heidnischen Anbetung (785: Capitulatio de partibus Saxoniae) konnte nur wirken, wenn sie kleinräumig überwacht wurde. Deswegen wurde bereits auf dem Hoftag in Paderborn das sächsische Land in 777 Missionssprengel unterteilt. 792 gilt die Unterwerfung der Sachsen als vollendet.
In dieser Zeit kommt Bochum ins Spiel: Karl der Große musste befestigte Unterkünfte haben, wenn er erobernd durchs Land zog. Seine fränkische Reichsgrenze verlief etwa bei Essen-Heisingen und -Bredeney. Eine Tagesetappe vom ebenfalls an dieser Grenze liegenden und gerade erst 796 vom Friesen Ludger gegründete Kloster Werden wurde neben dem kleinen Dorf (Alten-)Bochum an dem Knotenpunkt der alten Römerstrassen ein Reichshof gegründet, der den Namen Bochum nach dem außergewöhnlich üppigen Buchenbestand erhielt. Durch die Reichshofgründung war eine im späteren Stadtzentrum gelegene germanische Thingstelle unter Kontrolle. Weiter draußen am Marbach lag die zweite Thingstelle, die durch einen klösterlichen Oberhof kontrolliert wurde.

Die (niedere) Gerichtsbarkeit an Thingstellen lag bei den Bewohnern eines Schult- oder Oberhofes. Im Falle des Gebietes des späteren Kleingartenvereins war das der Oberhof Cramwinkel, der auch die Abgaben der umliegenden Gehöfte einsammelte und an das Kloster Werden ablieferte. Der Umfang der Abgaben war seit 800 schriftlich belegt. Der Oberhof stand unter der Herrschaft des gleichnamigen Ritterguts Krawinkel (der Name Krawinkel wird in sehr vielen Schreibweisen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte benutzt).