Die Ritter von Dibergs Mühle

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 21:54

Für die germanische Thing-Stelle am Marbach bedeutete die neue christlich-katholische Oberhohheit, dass hier durch das Kloster Werden der Oberhof Krawinkel errichtet wurde, dessen Oberhof-Schulze Teil der kirchlichen Hierarchie war. Ehemals germanische Kleinadelige erhielten ihn zum Lehen und wurden so Teil der katholischen Kirche. Ihr erster namentlich bekannter Vertreter für das Gebiet des späteren Kleingartenvereins war Guthard tho Krawynkel aus dem 10.  Jahrhundert. An diesen Oberhof mussten anfangs zwei andere Höfe, die dem Abt zu Werden gehörten, ihre Abgaben an das Kloster liefern. Bevor in Bochum eine eigene Kirche bestand, vermehrte sich der Werdener Besitz durch Schenkungen anderer, wohlhabender Adliger, die sich damit für sich oder ihre Angehörigen das ewige Seelenheil erhofften. Mit der Auflösung der Fronhofverbände im 14. Jahrhundert wurden auch diese Zulieferer-Höfe anderem Kleinadel zum Lehen gegeben.
Es kann davon ausgegangen werden, dass der Oberhof Krawinkel (Krawinkel = "Kräheneck") ebenso organisiert wurde wie das Kloster Werden selbst: nach den Regeln des heiligen Benedikt von Nurfia. Demnach hatten Klöster Stätten des Handwerks, der Wissenschaften und der schönen Künste zu sein. Dazu gehörten neben Äckern, Mühlen, Fischteichen, Werkstätten und Bibliotheken auch Gärten. Das Kloster Werden erwarb schon bald einen achtbaren Ruf im ehemaligen Ungläubigen-Gebiet und wurde 877 von König Ludwig III. zum reichsunmittelbaren Gebiet erklärt. Die auf dem Krawinkelschen Oberhof tätigen Adligen waren häufig auch Seelsorger in den umliegenden Städten und Bauernschaften. So waren z.B. die ersten Pfarrer der dem Kloster Werden gehörenden Bauernschaft Eppendorf („Abbingthorp“ = des Abtes Dorf) 1298 Gerhard von Krawinkel und 1308 Hunold von Krawinkel.

Damals waren auf dem Krawinkelschen Gut jedoch die landwirtschaftlichen und handwerklichen Erzeugnisse am wichtigsten im Alltag. Die Abgaben, die an den Abt zu Werden an 9 Tagen im Jahr geliefert werden mussten, waren Schlachttiere, Fisch, Milcherzeugnisse, Getreide (hauptsächlich Gerste), Erbsen, Eier, Bierzutaten, Becher, Holz und Kleidungsstücke. Des Weiteren musste der Abt sechsmal im Jahr beherbergt und ein Pferd vorgehalten werden. Ein Steinmetz und ein Schweinehirte waren über große Teile des Jahres zu stellen. Eindeutige Gartenerzeugnisse fehlen. Das gleiche galt für die Königsabgabe („servilium regis“ bis 1198) und den Pflichten dem Landesherrn („Hundelager“) gegenüber. Im 12. Jahrhundert musste bereits eine erhebliche Anzahl anderer Höfe Abgaben an den Krawinkeler Oberhof liefern: 3 Höfe aus Riemke, 2 Höfe aus Wanne, ein Hof in Dorstfeld, 2 Höfe in Bochum selbst, 2 Höfe aus Stiepel, ein Unterhof sowie die Mühle im Krawinkel selbst, ein Hof in Brantrop, 1 Höfe aus heute unbekannten Bauernschaften, ein Hof in der Eppendorfer Heide, ein Hof aus Bulmke, 2 Höfe aus Höntrop, ein Hof aus Gerthe, 2 Höfe aus Querenburg und 4 Höfe aus Laer.


Siegel des Bochumer Ritters Johann von Krawinkel von 1439; Quelle: Krãejõnwinkila project 2000: Pieter Johan Cramwinckel

Die Ritter von Krawinkel standen vorrübergehend bis 1320 im Dienste des Grafen von Cleve und danach wieder im Dienst des Abtes zu Werden. Zu dem Rittergut gehörte der zum Diberg gehörende Oberhof, der von Bauern als Schulten bewirtschaftet wurde. Diese nahmen Berufsbezeichnung (Schulte) und Flurnamen (Krawinkel) an, der Name der Schulte-Krawinkels entstand (spätestens ab 1486 im "Schatboick in Marck A° 1486" als "Schult van Krawinckell").

Die Abgaben gegenüber dem Kloster Werden wurden bereits im 12. Jahrhundert in Geldbeträge umgewandelt. Damit hatte der Oberhof-Verwalter mehr Spielraum für die Mehrung des eigenen Wohlstands. Auch auf anderem Gebiet wurde seine Unabhängigkeit gestärkt. Der Werdener Abt war gezwungen, die Oberhöfe als offizielle Lehen an die Verwalter abzugeben, wenn diese als Ritter das Gebiet in den politisch unsicheren Zeiten verteidigten. Dazu gehörte vor allem die Auseinandersetzung zwischen dem Kölner Erzbischof und den Grafen von der Mark. Später verhökerten die Ritter jedoch die Höfe. So verpfändete am 31. Juli 1337 Johann Schultheiß von Krawinkel den Hof an Ritter Heinrich von Hardenberg. Nach Pfandauslöse waren Bernhard von Krawinkel und Heinrich von Krawinkel wieder alleinige Herren auf Gut Krawinkel. Am 12. Dezember 1412 verzichtete jedoch Heinrich von Krawinkel zugunsten des Abtes von Werden auf den Besitz des Hofes. Der Abt  verpachtete daraufhin den Hof Krawinkel an Martener Ritter Johann von Ovelacker für 2 Dortmunder Mark und 35 Malter Getreide pro Jahr. 1439 ist der Hof jedoch schon wieder im Besitz der Ritter Johann und Gert von Krawinkel, die am Lohberg ein Stückchen Land verkaufen. Gert von Krawinkel verkauft dann 1453 mit Genehmigung des Werdener Abtes den Hof an Ritter Dietrich von Eickel. Vom Erlös und möglicherweise anderen Einkommen lebten die Ritter von Krawinkel dann noch in ihrer kleinen Burg im heutigen Stahlhausen bis Ende des 15. Jahrhunderts. 1478 wird mit Reinhard von Krawinkel letztmalig ein Krawinkeler Ritter urkundlich erwähnt. Die zugehörige Burg wurde als Steinbruch genutzt und war wohl 1790 nur noch mit den Grundmauern unter der Grasnarbe zu erahnen.

Der neue Besitzer Dietrich von Eickel war bereits 1441 Droste von Bochum mit dem Rittersitz Krange vom Graf von der Mark belehnt worden. Damit war er der reichste Ritter von Bochum. Das blieb über 200 Jahre so, dann fiel der Besitz 1637 durch Heirat von Petronella von Eickel mit Christoph von Rump an die Ritter von Rump zu Balbert. Sie zahlten an den Abt von Werden bis 1845 3 Gulden pro Jahr, danach 12 Taler und 22 Silbergroschen. Sie überließen den Hof ihren Schulten in Erbpacht. 1839 kauften die Schulte-Krawinkels für 6000 Taler den Hof und bis 1843 das meiste zugehörige Land von ihrem Besitzer Freiherr von Rump.

Unabhängig von den adligen Besitzverhältnissen wurde das Gut Krawinkel die ganze (Ritter-)Zeit von Hofschulten bewirtschaftet, die ihren Beruf und das Gut, auf dem sie arbeiteten, in ihren Namen überleiteten: die Bauern Schulte-Krawinkel, ab dem 18. Jahrhundert in der Schreibweise Schulte-Kranwinkel. Erstmals mit eigener Steuer urkundlich erwähnt wurden die Schulte-Krawinkels 1486 mit 4 Gulden Landessteuer. Trotz des großen Hofbesitzes wurde auf städtischem Gebiet „gewildert“: am 13. Mai 1598 wurde Peter Schulte-Krawinkel dabei erwischt, als er 13 Kühe auf städtischem Gelände weiden ließ. Trotz Gelöbnis der Besserung wurde er nur 4 Tage später erneut erwischt, als er 74 Schafe auf städtischem Gebiet weiden ließ. Zur Strafe mußte er den gesamten Stadtmagistrat mit Dienern einen Abend lang aushalten. 1686 wurde der Besitz im Landesgrundbuch aufgelistet:

1. 9160 Ruten Feld zwischen dem Brüll und dem Dieberg (mit dem späteren Kleingartengelände)
2. 844 Ruten Feld zwischen Honscheid und dem „Armenfeld“
3. 1420 Ruten Burkamp vor dem Hof Krawinkel (an Gläubiger versetzt)
4. 2810 Ruten Lebbing-Kamp nördlich des Hofes Krawinkel
5. 30 Ruten Garten „im Leibzüchter“
6. 483 Ruten Wiese und Fischteiche „bei der Roteschür“
7. 1214 Ruten untere Wiese an der Hattinger Strasse (spätere Kläranlagen)
8. 964 Ruten obere Wiese im Brüll
9. 76 Ruten Herkesbrüggen-Wiese an der Herkesbecke
10. 91 Ruten Storkswiese
11. 359 Ruten Feld auf dem Honscheid (später Krankenhaus Bergmannsheil)
12.  ab 1491 zum Lehen an die Ritter von Düngelen vergebene Wiese „auf der Becke“
13. Beckmanns Kotten

Zusammen umfasste der Hof 280 Morgen Land.

1871 wurde der Besitz innerhalb der Familie von Heinrich Schulte Cranwinkel an Moritz Schulte Cranwinkel verkauft. Zu diesem Zeitpunkt und in den späteren Jahrzehnten war das Gebiet des heutigen Kleingartenvereins mit einem Wäldchen bewachsen, in dem die Bochumer wohl gerne Erholung suchten. Das Wäldchen wurde jedoch bei dem hohen Holzbedarf der umliegenden Bergwerke zunehmend abgeholzt.

Ausschnitt aus einem Wiemelhausener Flurplan von 1829 mit dem Gebiet um den Diberg (Quelle: P. Zimmermann, Ehrenfeld und die Bauernschaft Rechen, Bochum 1983, S. 7; digital bearbeitet)

Bis auf kleine Restflächen (z.B. am Diberg)  wurde der Besitz um 1900 an den Bochumer Verein verkauft. Das Land am Diberg wurde ab 1918 an die sich aus der Not heraus bildende Kleingarten-Gemeinschaft verpachtet.

Der Hof der Schulte-Krahwinkels unterhalb des Höntroper Stahlwerkes des Bochumer Vereins im Jahre 1929. (Quelle: W. H. Koch: Bochum dazumal, Droste Verlag, Düsseldorf 1974, S. 68; digitale Nachbearbeitung)

Bochumer Stadtplan von 1851; Quelle: Archiv; eigene graphische Bearbeitung