Großindustrie und Gesundheitsboom

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 21:56

Bereits 1821 ließ die preußische Staatsverwaltung einen tiefen Steinkohle-Stollen in der Nähe der Kornmühle am Diberg in der späteren Kleinen Ehrenfeldstrasse auffahren. Westlich zum späteren Kleingartengebiet errichtete die Gewerkschaft Friederica ab 1842 den Iduna-Oberstollen, dessen zuführender Weg (Idunaweg) in seiner Verlängerung über die Hüttenstrasse hinaus noch heute einen der drei Zugänge zum KGV Bergmannsheil bildet.

Mundloch des Prinzessin-Tieferstollens von 1821 (Quelle: W. Fenselau, Ehrenfeld gestern und heute, Verlag Dr. Dieter Winkler, Bochum 1990, S. 21; digitale Nachbearbeitung)

Im Norden des Gebietes gründete der Schwabe Jacob Mayer und der Hamburger Eduard Kühne 1842 eine Fabrik für Gussstahlfabrikation, den späteren Bochumer Verein. Innerhalb der nächsten 40 Jahre expandierte das Unternehmen zum zweitgrößten deutschen Stahlwerk und einem der wichtigsten Rüstungsbetriebe.
(Bild-Quelle Wikipedia)

1862 kam im Norden der Bahndamm hinzu, als die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft ihre Strecke Witten-Bochum-Süd über Höntrop, Steele, Essen und Mülheim nach Oberhausen und Duisburg verlängerte.

Der Zuwachs an Industrie hat mit ihren ungehemmten Abgasen Auswirkungen auf Mensch und Tier - und auch auf Pflanzen: In der folgenden Abbildung sieht man den verminderten Zuwachs eines in den 1920er Jahren gefällten Baumes ab den Jahr 1880.

Die zunehmende Industrialisierung führte zu einer kompensatorischen Bewegung, die die Gesundheit über Aufenthalt und Bewegung im Freien fördern wollte. Dazu gehörte auch eine neue Art zu Gärtnern. Weit entfernt von Bochum entstand in dieser Zeit eine Form des Gärtnerns, welche noch heute den deutschen Sprachgebrauch bestimmt, letztendlich per Zufall. Der Schuldirektor Dr. Ernst Innozenz Hauschild setzte 1865 die Idee seines verstorbenen Mitarbeiters Dr. Schreber um, Kindern das Spielen im Freien zu ermöglichen und sie dabei von Pädagogen betreuen zu lassen. Einer der Pädagogen, Heinrich Karl Gesell, legte sogenannte Kinderbeete als besondere Form des sachbezogenen Spielens an. Da die Kinder jedoch nicht allein in der Lage waren, die Beete zu bestellen, sprangen die Familien in die Bresche. Aus Kinderbeeten wurden Familienbeete, welche eingezäunt zu „Schrebergärten“ wurden. So entstand 1869 der erste Schrebergärtenverein in Leipzig. Da das Beispiel schnell Schule machte, gründete sich bereits 1891 der Verband der Garten- und Schrebervereine. Da dieser Verband jedoch sehr wählerisch in der Aufnahme neuer Gartenanlagen war, gründete sich schon 1906 aus einer Berliner und norddeutschen Initiative heraus der Verband deutscher Arbeitergärten und 1907 in Leipzig der Verband Leipziger Schrebervereine. Bereits am 28. Februar 1909 schlossen sich dann die meisten existierenden Einzel- und Sammel-Gartenvereine auf nationaler Ebene zum Zentralverband deutscher Arbeiter- und Schrebergärten (Klein- und Familiengärten) zusammen. 

Bochumer Schrebergartenanlage um 1910 (Quelle: J.V. Wagner & M. Wiborni, Wartberg Gutenberg-Gleichen 1994, S. 72, digital retuschiert)

1890 wird im Süden der späteren Gartenanlage das erste Unfallkrankenhaus der Welt eröffnet: Das Bergmannsheil.

Ansicht des Hauptgebäudes des Bergmannsheils im Jahre 1908 (Quelle: J.V. Wagner, Bochumer Ansichten auf alten Postkarten, Brockmeyer, Bochum 1979, S. 43). Im Vordergrund die Wiesen vor dem Restaurant Panzergrotte, in der Mitte die Kreuzung aus Hattinger Strasse und (späterer) Kleine-Ehrenfeldstrasse; rechts sind Buchsbaum-umzäunte Gartenanlagen zu sehen. Es ist fraglich, ob damals bereits eine Gärtnerei an dieser Stelle bestand oder "wilde" Kleingärten z.B. von Bergmannsheil-Personal. Die folgende Abbildung zeigt die umgekehrte Perspektive auf die gleiche Kreuzung Richtung Restaurant Panzergrotte:

Postkarte, 1896 gelaufen (Quelle: D. Ernesti, www.historisches-ehrenfeld.de;digitale Nachbarbeitung)

Frontalansicht des Bergmannsheils von 1904, auf der man die o.g. Gartenfläche im Vordergrund sieht. (Quelle: Historisches Bildarchiv Bergmannsheil; digitaler Ausschnitt)

Um 1900 ist jedoch trotz der sich entwickelnden Industrie im benachbarten Bochumer Verein und trotz des regen Eisenbahnbetriebes das heutige Kleingartengelände ein naturbelassenes Idyll. So beschreibt der Bochumer Rektor Kamp über eine Schulexkursion im Jahre 1900 (sich von Norden her über die Felder zwischen Kohlestrasse und Bahnlinie dem Marbach nähernd):

Jetzt nimmt uns Krawinkels "Busch" in seinen kühlen Schatten. Im Juni kann von hier aus die Heuernte beobachtet werden. Interessanter aber ist der Weg gleich nach derselben, denn hinter der ersten Wiese liegt ein ziemlich ausgedehnter Sumpf, der nur durch die Wiese erreicht werden kann. Die Sumpfpflanzen: Schwertlilie, Froschlöffel, Weiderich, Sumpfziest, Wasserminze, Binse sind den Kindern ganz neue Erscheinungen, ebenso die Farren, die man in großer Menge, und die reifen Himbeeren, die man zwar nur vereinzelt im Busche findet; auch Waldbeersträucher und Moos bedecken den Boden. Von dem Waldwege aus zieht sich nach links eine kleine Schlucht. Die Seitenwände derselben sind durchaus nicht hoch und steil, erregen aber dennoch das Erstaunen und die Bewunderung der Kinder. Der Hügel ist bewaldet und veranschaulicht den Kindern den Begriff - Hochwald, Laubwald. Zwar Unterholz, wie Haselstaude, Holunder, Geißblatt, Himbeere, Brombeere findet sich nicht auf dem Hügel, jedoch an anderen Stellen des Busches. Eichen und Buchen dagegen können hier betrachtet, Blätter und Krone und Rinde derselben verglichen werden.
Der Waldweg mündet auf die Hattinger Chaussee. Vor uns liegt Bergmannsheil. (Bedeutung desselben, seine gesunde Lage.(werden den Kindern erklärt))

1908 erwarb die Emschergenossenschaft Grundstücke entlang des westlich gelegenen Marbachs, um diesen als Zufluss der Emscher zu regulieren. Damit endete jedoch das Idyll am Marbach. Ab jetzt war der Marbach eine beton-gerahmte Kloake.