Auferstanden aus den Ruinen des Kaiserreiches

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 22:01

1908 hatte sich der erste Kleingartenverein in Bochum, der Schrebergartenverein Bochum-Ehrenfeld, gegründet und 1909 in das Vereinsregister eingetragen.


  Quelle: J.V. Wagner, Bochumer Ansichten auf alten Postkarten, Brockmeyer Bochum 1979, S. 61

Als im Sommer 1914 nach dem Attentat von Sarajevo der deutsche Kaiser dem österreichischen Unterhändler in den Verhandlungen mit der serbischen Regierung eine Blanko-Vollmacht gab und die Österreicher einen Krieg mit Serbien vom Zaun brachen, obwohl sich Serbien dem österreichischen Ultimatum beugte, schlitterte Deutschland durch seine Bündnispflichten und aufgrund fehlender ernsthafter deutscher Friedensbemühungen in den ersten von zwei Weltkriegen hinein. Aus dem nur für wenige Monate geplanten Feldzug („Wir sind Weihnachten wieder zu Hause“) sollte ein Stellungskrieg mit jahrelanger Materialschlacht resultieren, auf die Deutschland und seine Verbündeten nicht eingerichtet waren. Die völkerrechtswidrige Seeblockade der Briten und der unterbundene Welthandel führten zu einem Rohstoff- und Nahrungsmittelmangel ohne Beispiel. Eine Niederlage noch im Jahre 1915 schien unabwendbar. Es war -Ironie der Geschichte- der deutsch-jüdische AEG-Unternehmer Walter Rathenau (1867-1922), der den zeitigen Zusammenbruch verhinderte, die Kriegsrohstoffabteilung (KRA) des preußischen Kriegsministeriums übernahm und die Rohstoff- und Nahrungsmittelverteilung regelte. So wurde noch lange vor Ludendorff und Göring der erste "totale" Krieg geführt. Für die Bochumer bedeutete das Nahrungsmittelkarten ab 1915, teilweise abstruse Sammlungen für die Industrie (Frauenhaar, Kirchenglocken, Kochtöpfe), Kriegsanleihen und kontinuierlich steigende Preise bei dürftigem Angebot.


Plakat zur Frauenhaar-Sammelaktion; Quelle: Nationalbibliothek

Obwohl Bochum keine direkten Kriegseinwirkungen hatte, wurden von seinen 143.000 Einwohnern in den viereinhalb Kriegsjahren 36.465 Männer zum Kriegsdienst eingezogen. Aufgrund der anderen Form der Bevölkerungspyramide und unter Abzug von Frauen, Kindern und Greisen waren das nahezu alle wehrfähigen Männer. Nach Kriegsende waren 3944 Gefallene zu betrauern (11% der Einberufenen; 2,75% der Vorkriegsbevölkerung). Ein Viertel der zurückkehrenden Soldaten hatten Verwundungen, darunter viele mit bleibenden Schäden, so dass sie als "Ernährer" ihrer Familien ausfielen.


Deutsche Kriegsversehrte bei Leibesübungen ca. 1917 (digital retuschierter Ausschnitt eines Fotos des Fotoarchives Preußischer Kulturbesitz)

De facto hatte 1916 das deutsche Kaiserreich aufgehört zu bestehen. Eine von Hindenburg und Ludendorff geführte Militärdiktatur regierte Deutschland mit eiserner Faust.

Ich zweifle nicht, daß unser Volk sich willig fügt. Täte es dies nicht, so wäre Deutschland nicht des Sieges wert.

Hindenburg 1916 in der Begründung für das "Hindenburg-Programm" (Militärdienst 16.-60. Lebensjahr; Kriegsdienst auch für Frauen; weitere Fokusierung auf die Kriegsproduktion)

Die schon während des Krieges gestiegenen Preise, die schlechte Versorgungslage ("Steckrübenwinter 1916/17") und der "Hungerwinter" 1917/18 taten ein übriges. Das Bedürfnis großer Bevölkerungsgruppen nach Eigenversorgung gerade im städtischen Umfeld wuchs spürbar, da im Kriegsverlauf die Inflation stark angestiegen war und die Ersparnisse der Bürger aufbrauchten. Die Macht von Hindenburg und Ludendorff zerbröselte. Als die kaiserliche Marine zu einem Himmelfahrtskommando ausrücken sollte, damit die Schiffe nicht in feindliche Hand fallen, rebellierten die Matrosen in Kiel, nahmen keine Befehle mehr entgegen und verordneten sich selbst Heimaturlaub. An der Westfront brach die Front nach einem Panzerangriff bei Amiens zusammen. Erich Ludendorff brach daraufhin unter Weinkrämpfen zusammen. Am 28. September 1918 bat er Hindenburg um die Einstellung der Kampfhandlungen. Dieser ließ per Kronrat wieder eine Mehrparteienregierung zu, die den Waffenstillstand aushandeln und damit zum Schuldigen für die Kriegsniederlage werden sollte (Dolchstoß-Legende). Das Chaos brach in der mit dieser Hypothek belasteten ersten deutschen Demokratie aus. Jeder musste schauen, wo er blieb.
So auch im „kleinen“ Ehrenfeld: So schreibt der Bochumer Anzeiger 1927 im Rückblick auf die einzelnen Gründungen der Bochumer Kleingartenvereine speziell für den Bergmannsheil-„Gartenbauverein“:

Im Jahre 1918 versammelte sich im südlichen Teile der Stadt in unmittelbarer Nähe des großen Krankenhauses „Bergmannsheil“ ein kleiner Trupp der in der näheren Umgebung wohnenden Bevölkerung, um auf einer gegenüber dem vorerwähnten Krankenhause liegenden Garten- bzw. Feldfläche des Landwirts Schulte-Cranwinkel einige Kleingärten zu errichten. Diese Schar der Kleingärtner setzte sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. (...)

Diesem Zitat ist zu entnehmen, dass noch lange vor der offiziellen Gründung des KGV Bergmannsheil bereits eine von der Stadt offensichtlich geduldete Grabelandbewegung das Gebiet urbar machte.

Unter dem Eindruck der prekären Versorgungslage reagierte auch die Politik der aus der deutschen Novemberrevolution hervorgegangenen Weimarer Republik: Die Nationalversammlung schuf nach nur anderthalb Monaten Beratungszeit mit der Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung (KGO) vom 19.7.1919 die gesetzliche Grundlage für die Einrichtung und Bewirtschaftung von „Dauerkleingartenanlagen“, welche noch Ende des selben Monats in Kraft trat. So sollte eine Verbesserung der Versorgung vor allem der städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln erreicht werden. Das wurde gesetzgeberisch erreicht durch mehr Planungssicherheit, Verhinderung von Wucher und gewerbsmäßiger Verpachtung sowie der Verpflichtung von Städten und Gemeinden, Dauerkleingartenanlagen zu schaffen.


(Quelle: Archiv)

Die Festsetzung der Pachtpreise war einer der wenigen finanziellen Felsen in der Brandung: Bereits im Januar 1920 hatte die Mark gegenüber dem US-Dollar nur noch ein Zehntel ihres Umtauschwerts vom August 1914. Die entwerteten Löhne und Gehälter wirkten wie Lohndumping. Der Besitz eines kleinen Stückchen Landes unterlag jedoch nicht der Inflation und behielt seinen Wert.

Das Bedürfnis nach Eigenversorgung nahm jedoch auch dadurch zu, als dass die junge deutsche Demokratie noch hoch instabil war: Nur eineinhalb Jahre nach ihrer Ausrufung und dem Ende des Kaiserreiches fand am 13. März 1920 ein Militärputsch (sog. „Kapp-Putsch“) statt, der mit einem landesweiten Generalstreik beantwortet wurde. Die deutschlandweit größte Demonstration gegen den Putsch fand in Bochum mit 20.000 Teilnehmern statt. Der begleitende Generalstreik verschlechterte die Versorgungslage der Bochumer Stadtbevölkerung ebenso wie der daraus resultierende Märzaufstand. Der nachfolgende Terror der Freikorps, aber auch der Reichswehr, führten bei vielen Bürgern zusätzlich zu einem Bedürfnis nach einem Rückzug ins Private. Der Kleingarten stand somit auch als eine kleine heile Welt in einer aus den Fugen geratenen Welt.