Der Garten als Mittel gegen die Inflation

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 22:03

Die Nachfrage nach Kleingärten hat verschiedene Ursachen.
In den Kriegsjahren war es der Wunsch vieler, so weit wie möglich „Selbstversorger“ zu sein. Andere Bevölkerungskreise, in denen die Ungunst der Verhältnisse eine Verringerung des Einkommens herbeigeführt und dadurch zu einer Einschränkung der bisherigen Lebenshaltung geführt hat, ferner kinderreiche und Arbeiterfamilien, lassen sich von der Erwägung leiten, mit den durch eigene Arbeit gewonnenen Feldfrüchten zur Verbilligung ihrer Haushaltsführung beizutragen.
Neben diesen rein praktischen Gesichtspunkten tritt der ideele Wert eines eigenen Fleckchens Erde, der Gedanke des Verbundenseins mit der Natur und die im deutschen Gemüt wurzelnde Liebe zur Scholle.

Aus dem vom Magistrat herausgegebenen „Verwaltungsbericht Stadt Bochum 1913-1924“

Quelle: Wikipedia

Mit Beginn der Hyperinflation 1922 (Höhepunkt war der November 1923: 1 US-Dollar entsprach 4,2 Mrd. Mark) traf auch die Bochumer mit voller Wucht. Im Krankenhaus Bergmannsheil mussten 3 Stationen geschlossen werden, weil eine medizinische Versorgung nur noch sehr eingeschränkt möglich war. Auf den Grünanlagen des Krankenhauses Bergmannsheil wurde Vieh gehalten, um eine Eigenversorgung von Patienten und Angestellten sicher zu stellen. Auch wurden die Gehälter und Rücklagen der Angestellten des Bergmannsheils immer wertloser, so dass sich immer mehr Gleichgesinnte zu dem bereits 1918 lose gebildeten Häuflein fanden, um die Verlässlichkeit der Reichskleingarten- und Kleinpachtlandordnung von 1919 mit den festgeschriebenen Pachtpreisen in ihrem Sinne zu nutzen: Im Juni 1922 gründete sich der Schrebergartenverein Bergmannsheil, benannt nach der sich in Sichtweite befindlichen Klinik. Erst zum 21.8.1923 wurde der Verein im Vereinsregister eingetragen.
Der Bochumer Anzeiger schrieb dazu 1927 im Rückblick:

In kurzer Zeit war die Zahl der Interessenten auf 180 gewachsen, so daß zum Schutze der ureigensten Interessen von einigen Parzelleninhabern die Bildung eines geschlossenen Vereins vorgeschlagen wurde. Der Wille und das Bestreben zu einmütigen Handeln war auch ausschlaggebend zur Tat. An einem herrlichen Juni-Abend wurde aus diesen über 100 Parzelleninhabern der Gartenbauverein „Bergmannsheil“ gegründet und auch in das Vereinsregister eingetragen. Das [der]zeitige Gelände umfaßt zirka 1300 Quadrat-Ruten mit 156 Gärten, teils zu 10 bis 30 [Quadrat-]Ruten. Sofern seitens der Stadtverwaltung das gegebene Versprechen, eine Dauerfläche demnächst dem Verein zu überweisen, eingelöst wird, soll nach der Uebersiedlung eine geschlossene Anlage mit allem Komfort wie Kinderspielplatz, Milchhalle, Vereinsheim usw. erreichtet werden.

Bereits bestehende Kleingartenvereine hatten bereits am 2.3.1922 den Stadtverband gegründet, um eine Anerkennung als Dauerkleingärten zu bekommen.

Schrebergartenverein Bergmannsheil im Jahre 1930. Quelle: Presse- und Informationsamt der Stadt Bochum

Bis 1926 stand die Zukunft des KGV Bergmannsheil auf Messers Schneide, da Stadt und Reichsbahn die Bahntrasse ausbauen wollten. Die Pläne wurden jedoch jäh unterbrochen, als am 15. Januar 1923 in Bochum im Rahmen der Ruhrgebietsbesetzung französisch-belgische Truppen einmarschierten.

"Passagierzug aufgehalten bei Bochum durch französische Soldaten"; Quelle: Library of US Congress, Washington D.C., USA

Durch den ausgerufenen passiven Widerstand kam das gesamte Wirtschaftsleben Bochums zum Erliegen. Der dadurch enstehenden Not konnte die französisch bestimmte Stadtverwaltung nur noch durch Zwangsedikte begegnen. Suppenküchen für Arme wurden mit Hilfe freiwilliger Spenden eröffnet. Die Löhne aller Arbeiter wurden zunächst vom Deutschen Reich gezahlt, was jedoch zu weiter zunehmender Inflation und zum Abbruch des Ruhrgebietswiderstandes durch Reichskanzler Stresemann am 26.9.1926 führte.

Quelle: LWL Medienzentrum

Bauern, die im besetzten Gebiet lebten, litten gleichermaßen unter den Beschlagnahmungen durch die Franzosen und „Selbstversorgungsaktionen“ der ausgehungerten Städter. Die minimalen Arbeitslosenunterstützungen waren zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch betrug z.B. in Gelsenkirchen-Buer 22 Gramm pro Tag. Der Milchverbrauch in Bochum ging gegenüber 1913 um 60% zurück. Hamsterfahrten der Bochumer auf das Land waren an der Tagesordnung. Die Bauern hatten jedoch kein Interesse an nahezu wertlosem Papiergeld. Akzeptierte Zahlungsmittel waren Sachwerte wie Teppiche, Möbel und Schmuck. Über die Not berichtet ein Augenzeuge nach einer Fahrt von Bochum nach Hagen im Oktober 1923, „derartige Scharen von Menschen, die hungern und herumziehen“ wie noch niemals zuvor gesehen zu haben. Ein gut bestellter Kleingarten konnte die Not effektiv lindern. Allerdings kam es auch hier zu Diebstählen, Plünderungen und Schlägereien wie auch auf den Bauernhöfen der Umgebung.
 

Und Bochum wuchs weiter: Die weiteren Eingemeindungen bis 1926 (Altenbochum, Weitmar, Hordel, Riemke, Bergen, sowie Teile von Eppendorf, Höntrop, Westenfeld und Eickel) ergaben für Bochum 213.462 Einwohner und ca. 50 km² Fläche.
Von der zunehmenden Anzahl Bochumer waren jedoch immer mehr Menschen arbeitslos. 1930 gibt es in Bochum 24398 Menschen ohne Arbeit. Zahlreiche Dauerarbeitslose erhielten keine Arbeitslosenunterstützung, da die erst 1927 gegründete Arbeitslosenversicherung nur für 26 Monate unter bestimmten Voraussetzungen Unterstützung gewährte. Die meisten Erwerbslosen waren auf die Wohlfahrtsfürsorge der finanziell klammen Gemeinden angewiesen. Die Städte waren derartig pleite, dass sie die Wohlfahrtsunterstützung nur teilweise auszahlen konnten. Als dagegen z.B. am 14.10.1932 ca. 150 Erwerbslose vor dem Wattenscheider Rathaus eine Hungerdemonstration veranstalteten, ließ die Stadtverwaltung den Protest von der Polizei niederknüppeln. Auf der Flucht plündern die Demonstranten auf dem Gertrudis-Wochenmarkt Stände mit Wurst und Gemüse. Privilegiert war derjenige, der sich eine basale Versorgung aus dem eigenen Kleingarten sichern konnte.