Kleingärtner im Großdeutschen Reich

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 22:05

Nach der Machtergreifung des österreichischen Schulabbrechers, akademischen Hochstaplers, Ex-Gefreiten und Postkartenmalers Adolf Hitler meldeten u.a. die Bochumer Zeitungen im Juni 1933 die Gleichschaltung der Schrebergartenvereine.

"Naturbursche" Hitler 1934; Quelle: Archiv

Dass so etwas Harmloses und Privates wie Kleingartenvereine in den Focus der Nazis gelangte, lag zum einen daran, dass diese Vereine häufig aus Arbeitergartenvereinen entstanden waren und somit politisch eher links eingestellt waren. Zum anderen hatten diese Gärten und Lauben etwas anarchisches und unkontrolliertes, was sich der Kontrolle von NSDAP und Gestapo erst einmal entzog. Es fehlte der sonst allgegenwärtige Blockwart. So versteckte sich z.B. der Kommunist Erich Honecker (späterer ZK der SED- und Staatsratsvorsitzender der DDR) 1934 in der Essener Schrebergartenanlage am Sonnenscheinweg, um nicht verhaftet zu werden. Ein weiterer Grund der nationalsozialistischen Fokusierung auf die Kleingartenvereine war jedoch die Blut- und Bodenideologie von Adolf Hitler, die auch in der Erstausgabe der Nazi-Kleingartenzeitung zum Besten gegeben wurde:

Vergeßt nie, daß das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man selbst bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt.

Adolf Hilter in: Der Kleingärtner und Kleinsiedler, Nr. 1, 26.10.1933, S. 4

Im Rahmen der Gleichschaltung wurden ab Mitte 1933 die Vorstände der Schrebergartenvereine nicht mehr demokratisch gewählt, sondern nur noch ein „Führer“ von der NSDAP ernannt, der dann seinen Vorstand ernannte. So kam es, dass im sog. Großdeutschen Reich die Kleingartenvereinsvorsitzenden nun Kleingartenvereinsführer wurden.

Vor dem ersten Reichskleingärtner- und Kleinsiedlertag ... wurden die verschiedenen Organisationen des Kleingarten- und Kleinsiedlungswesens in Deutschland politisch gleichgeschaltet, d.h. die Führung dieser Organisationen erhielten Persönlichkeiten, die der NSDAP angehörten bzw. von dieser anerkannt wurden. Diesem ersten Schritt des Eindringens des Nationalsozialismus in die Kleingarten- und Kleinsiedler-Organisationen entsprach folgerichtig der zweite, nämlich die Zusammenfassung und Neubildung aller dieser Organisationen unter einheitlicher Führung und einheitlicher Zielsetzung. Nachdem mich die Reichsleitung des Amtes für Agrarpolitik der NSDAP als Vertrauensmann für die Gleichschaltung des Reichsverbandes der Kleingartenvereine Deutschlands beauftragt hatte, erhielt ich nach Abschluß dieser Gleichschaltung den Auftrag, den Reichsbund der Kleingärtner und Kleinsiedler e.V. zu gründen und alle unter nationalsozialistischer Führung stehenden Organisationen auf dem Gebiet des Kleingarten- und Kleinsiedlungswesens in den Reichsbund zu überführen. (...)
(...) Dank der guten und eigennützigen Vorarbeiten der mit der Gleichschaltung betrauten Volksgenossen gelang es ohne besondere Hemmungen, die Organisationen des Reichsverbandes ... in den Reichsbund zu übernehmen und ihn dort einzugliedern.

Hans Kammler, Führer des Reichsbundes der Kleingärtner und Kleinsiedler Deutschlands, in: Der Kleingärtner und Kleinsiedler, Nr. 1, 26.10.1933, S. 4

SS-General Hans Kammler, erst Kleingärtner-"Führer", später "Architekt des Todes" (zuständig für KZ-Planung und Bau von Gaskammern); Quelle: KZ-Gedenkstelle Mittelbau-Dora

Nach der organisatorischen Gleichschaltung der Vereine erfolgte daraufhin die ideologische Gleichschaltung der Kleingärtner selbst - bevorzugt in den Wintermonaten:

Mehr als bisher müssen die Landes- bzw. Provinz- und Stadtgruppenführer sowie die Vereinsführer in Verbindung mit der politischen Abteilung und den agrarpolitischen Abteilungen in geeigneter und fruchtbringender Weise die politische Erziehung der Kleingärtner und Kleinsiedler in den Wintermonaten durchführen. In den (...) Gemeinschaftsräumen muß allmonatlich ein geeigneter Parteigenosse der politischen Organisation die Schulung der Mitglieder durchführen und die Ideen des Nationalsozialismus in die Kreise der Kleingärtner und Kleinsiedler tragen.
(...)
Die Nutzung des Bodens in Pacht und Eigentum verpflichtet jeden Volksgenossen und gibt ihm erst nach Erfüllung seiner Pflichten Rechte.

Hans Kammler, Führer des Reichsbundes der Kleingärtner und Kleinsiedler Deutschlands, in: Der Kleingärtner und Kleinsiedler, Nr. 1, 26.10.1933, S. 7

Noch nicht einmal ein Jahr später zeigte sich neben der reinen Gleichschaltung auch das rücksichtslose Vorgehen der Nazis auch gegen Bochumer Kleingärtner in der Enteignung der 60 Kleingärtner an der Zeppelinstrasse am 6.3.1934. Erst nach Anrufung eines Schiedsgerichtes in Dortmund willigten die Nazi-Stadträte Ende 1935 in die Zuteilung einer neuen Fläche ein, aus der erst 1937 der SGV „Am Grüngürtel“ entstehen konnte. Die Gleichschaltung wurde auch zur Gleichmacherei: So mußten z.B. 1937 im SGV „Im Schmechting Wiesental“ die teilweise seit 20 Jahren stehenden Gartenlauben abgerissen werden, um einer Einheits-Volksgartenlaube von 3 x 5 m mit 2 kleinen Fenstern Platz zu machen.


Propagandapostkarte mit heiler Welt bevor Papi wenige Jahre später sein heiligstes Opfer (siehe obiges Hitlerzitat) darbringen und z.B. in Rußland verrecken durfte; Quelle: Archiv


Der KGV Bergmannsheil 1935: Im Garten die stolzen Besitzer (Mitte), die Metzgereibesitzer-Familie Löber. Links daneben die nach dem Röhm-Putsch zurechtgestutzte Staatsmacht in SA-Uniform, der Anstreicher Schredschan. Der kleine blonde Junge mit der Hand seines Vaters auf der Schulter wurde nach dem Krieg wegen seines Rosengartens als "Rosenkavalier" im Verein bekannt. (Foto Privatbesitz, digitale Kopie)

Auch der Kleingartenverein Bergmannsheil war von Wohnungsbau-bedingten Enteignungen betroffen. Als 1935 an der Hattinger Strasse Wohngebäude errichtet wurden, verloren 50 Bergmannsheil-Kleingärtner ihre Gärten. Erst 1939 wurde die neue "Bergmannsheil-Anlage" an der Ecke Hütten- und Kohlenstrasse eröffnet: der heutige KGV Hütten-Aue.

Da das Gemüsepflanzen und das Blumen-Nicht-Pflanzen in der nationalsozialistischen Ideologie zu einem der Bausteine des "völkischen" Überlebens hochstilisiert war, lag es für die Nazis nicht fern, auch bei Kleingärtnern den Hass gegen alles Andersartige zu schüren:

Da die Kleingärtner und Kleinsiedler in Deutschland meistens ihren Wohnsitz in Großstädten (...) haben (...) und somit den schädigenden Einflüssen der Stadt (...) ausgesetzt sind, muß in die Kreise der Kleingärtner und Kleinsiedler der Gedanke der nationalsozialistischen Ideen über die Bevölkerungs- und Rassenpolitik hineingetragen werden.

Hans Kammler, Führer des Reichsbundes der Kleingärtner und Kleinsiedler Deutschlands, in: Der Kleingärtner und Kleinsiedler, Nr. 1, 26.10.1933, S. 6

Nicht erspart blieb dem KGV Bergmannsheil vermutlich die Arisierung der Parzellen und die Vertreibung jüdischer Mitbürger aus dem Vereinsleben. 22 Jahre vorher vergötterte Hitler noch ein Mädchen, dass er für jüdisch hielt (Stefanie Isak), und nun wollte er die Juden vernichten. 1937 wurde die Frage nach der deutschen Reichsangehörigkeit in den „Fragebogen für den Bewerber um einen Kleingarten“ des Reichsbundes aufgenommen. Deutsche jüdischer Abstammung durften sich nicht als Reichangehörige bezeichnen. Damit war es für Deutsche jüdischen Glaubens nicht mehr möglich, sich um einen Kleingarten zu bewerben.

Genaue Zahlen sind jedoch aufgrund der verbrannten Vereinsunterlagen nicht mehr zu ermitteln. Bekannt ist nur ein Fall aus dem KGV Ehrenfeld: Der Fall des Bettenhändlers und schwer verwundeten Weltkriegsveteranen Moritz Lindau, dessen Parzelle ca. 1938 enteignet wurde, weil er angeblich die Pacht nicht mehr zahlen konnte. Lindau und seine Familie wurden 1942 deportiert; er und seine Frau in Sobibor vergast. Lindau war auch für viele Bergmannsheil-Kleingärtner ein Begriff, denn er war 1924 als Vorsitzender des Radsportvereins "Sturmvogel 04" einer der treibenden Kräfte hinter dem Bau der beliebten Radrennbahn vor dem Toren des Bergmannsheil-Schrebergartenvereins gewesen.


Moritz Lindau