Das Grauen nebenan

Gespeichert von Ingolf Hosbach am So., 07.04.2019 - 22:08


KZ Bochum Brüll-Strasse; Quelle: Stadt Bochum

Ein wahres Drama spielte sich in unmittelbarer Nachbarschaft des SGV Bergmannsheil ab: Zwischen Juni 1944 und März 1945 befand sich eine KZ-Außenstelle auf der anderen Seite von Bahntrasse und Marbach (Lager Brüllstrasse; heute „Am Umweltpark“). Die Häftlinge waren in unmittelbarer Nachbarschaft zum Verein in der Geschossdreherei des Bochumer Vereins beschäftigt. Das Lager Brüllstrasse war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald (max. 1627 Häftlinge aus drei Konzentrationslagern: Auschwitz, Buchenwald, Neuengamme). Lagerkommandant war SS-Obersturmführer Hermann Grossmann, der später in den Dachauer Kriegsverbrecherprozessen aufgrund seiner Verbrechen zum Tode durch Erhängen verurteilt werden sollte. Es ist in mindestens zwei Fällen aktenkundig, dass er Häftlinge aufgrund mangelnder Arbeitsleistung zu Tode prügelte. Bei dem Bombardement am 4. November 1944 erschoss er aus Wut vier russische Häftlinge während des Angriffs. Einem tschechischen Häftlingsarzt gab er die Anweisung, Benzin statt Medikamenten zu injizieren. Allein die Werksärzte des Bochumer Verein dokumentierten 108 Tote zwischen Juni 1944 und 13. März 1945. Hinzu kamen 60 Tote durch die alliierten Luftangriffe. Nach Angaben des Dachauer Kriegsverbrecherprozesses brachen 5 bis 18 Häftlinge pro Woche aus körperlicher Erschöpfung zusammen. Ihre Verpflegung für die täglich 12- bis 14-stündige Schwerstarbeit waren „zum Frühstück ... ein halber Liter schwarzes Wasser statt Kaffee, zum Mittagessen einen Liter Gras-Suppe, zum Abendbrot 100 g Brot und 10 g Wurst“. Im März 1945 wurden die bis dahin überlebenden Häftlinge nach Buchenwald zurückgebracht. Dabei wurden 90-100 Häftlinge pro Eisenbahnwagon zusammengepfercht. Ein Überlebender berichtete bei dem Dachauer Kriegsverbrecherprozess gegen Hermann Grossmann, dass in seinem Wagon 30 Häftlinge beim Eintreffen in Buchenwald am 18. März 1945 tot gewesen seien (http://www.online.uni-marburg.de/icwc/dachau/000-050-0009.pdf; S. 16ff.). Entgegen anders lautenden Geschichten waren die KZ-Insassen nicht auf dem Kleingartengelände eingesetzt, wie der letzte Überlebende Rolf Abrahamson in einem Telefongespräch im Frühjahr 2011 berichtete. Sie seien zwar zu Bombenentschärfungsaktionen eingesetzt worden, jedoch nur in der Bochumer Innenstadt.

Bombenentschärfung von KZ-Häftlingen oder Zwangsarbeitern in Bochum (Quelle: M. Wiborni, Bochum im Bombenkrieg, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 2004, S. 43)

Abtransport von Blindgängern durch KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter in Bochum (Quelle: M. Wiborni, Bochum im Bombenkrieg, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 2004, S. 44)

Direkt vis-a-vis vom Kleingartenverein Bergmannsheil befand sich noch ein zweites Lager: Lager Hüttenstrasse für Zwangsarbeiter. Diese wurden bei nur wenig besseren Verhältnissen zusammengepfercht und in der Rüstungsproduktion verheizt. Im Spätherbst 1944 waren insgesamt etwa 32.500 Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen und Kriegsgefangene in mehr als 100 Bochumer Lagern registriert. Ein Nazi-eigener Bericht des "Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete" kommt 1942 zu katastrophalen Ergebnissen selbst unter der effizienz-gesteuerten und nicht humanistischen Blickweise der Nazi-Begutachter:

Die Lagerführer sind im Allgemeinen ihrer Aufgabe nicht gewachsen, es fehlt auch hier jede Ausrichtung auf die Erkenntnis der Bedeutung des Ostarbeiters für die Kriegswirtschaft.
(...)
Aufschlußreich war ... die Bemerkung, "der Ostarbeiter sei sehr zäh. Er arbeite, bis er an dem Arbeitsplatz mit dem Gesicht in den Dreck falle und der Arzt nur noch den Totenschein ausstellen könne."
(...)
So wird z.B. das Bild der Trostlosigkeit und Verelendung in dem Lager des Bochumer Vereins nie ausgelöscht werden können - dieses insbesondere im Gegensatz zu dem Bild der ankommenden Transporte kräftiger und gut gewillter Menschen im Soester Auffanglager. (...)
(Einzelbericht über Lager vom) Bochumer Verein in Bochum:
Arbeiter furchtbar heruntergekommen, Stimmung katastrophal, Lager vernachlässigt und dreckig, Essen unzureichend, Prügel, Familie(n) auseinandergerissen, Fluchtversuche sogar von Frauen. Essen als Prämie - erst Leistung, dann Betreuung. Keinerlei Verständnis bei Leitung.

Bericht des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete über die Zustände in Lagern für sowjetische Zivilarbeiter im Großraum Rhein-Ruhr (Nov.-Dez. 1942, Bergbau-Archiv Bochum 8/383

Zwangsarbeiterlager Hüttenstrasse des Bochumer Vereins (Areal heute bebaut durch Johnson Controls); Quelle: Presse- und Informationsamt der Stadt Bochum